Was da steht, ich hab es tief empfunden
Und es bleibt ein Stück von meinem Leben -
Meine Seele flattert ungebunden
Und ergötzt sich drüberhinzuschweben.
Genug ist nicht genug! Es lacht im Laube!
Die saftge Pfirsche winkt dem durstgen Munde!
Die trunknen Wespen summen in die Runde:
"Genug ist nicht genug!" um eine Traube.
Genug ist nicht genug! Mit vollen Zügen
Wenn sie schlummerte, wenn sie entschliefe,
Eine Flamme zittert mir im Busen,
Und ich hüte sie mit heilger Scheue,
"Ich bin ein Wölkchen, gespiegelt im See."
Du, der gestürzt ist mit zerschossener Stirn,
Wogen zischen um Boot und Räderschlag,
Zwei Knaben und ein ledig Boot -
Ein wilder Schrei: "Der Bruder sank!"
Der andre Knabe sinkt und sinkt
Maiennacht. Der Sterne mildes Schweigen...
Voran ein Zecher,
Kränze, wenn du lebtest, dir beschieden,
Wie den Fund man dem Gelehrten zeigte,
"Welches ist dein süßer Name, Knabe?
Meister Simon, streng das Bild betrachtend,
Das Flämmchen auf der Ampel,
Die Mutter ruft mich morgens:
Und meint, sie habe grausam
Ein kleines Heer, ein feines Heer,
Wer gibt Geleit mit Lustgetön
Voran ein Kindlein weint und lacht,
Es folgen Stufen mannigfalt
Dann ist ein frisches, minniges
Nun eines noch, versunken ganz,
Jetzt trittst du durch das Kirchentor,
Freigesprochen, unterjocht,
Frommer Augen helle Lust
Merke dir's, du blondes Haar:
Der Schöpfer senkt sich sachten Fluges
Voran ein Wesen, nicht zu nennen,
Sie lauscht, das Haupt hervorgewendet,
Sie sieht den Schlummrer sich erheben,
So harrst du vor des Lebens Schranke,
Der Ferge stöhnt: "In Seegesträuch
Der Ritter hält den Schwertesgriff
"Herr Christ! ich beichte Rittertat,
Er küßt das Kreuz. Grell schreit die Fee!
"Herr Christ! ich beichte Missetat!
Sie löst die Arme. Sie versinkt.
Ein Jüngling irrt im Waldesraum,
"Jungeiche mit dem stolzen Wuchs,
Er führt den Streich. Ein schmerzlich Ach
Ein Tröpfchen Blutes oder zwei
Schnell flüstert's aus dem Baume jetzt:
"Komm, Göttin", fleht er, "Waldeskind,
Ein Dämmer lag auf Stirn und Haar,
Er fing den Arm zu küssen an,
"In meinem Baum - ist lauter Traum"...
Der Botin Biene Dienst ist schwer,
Einmal kam Bienchen wild gebrummt.
Sie ist ein blühend Nachbarkind,
Ein schmerzlich Ach, als wände sich
Mein Leib vergeht
Doch mag es sein,
Sehnsucht ist Qual!
Körbe flicht aus Binsen er,
Solches ist die Wahrheit nicht,
Einmal geht er heim bei Nacht
Etwas hört er klingen fein -
Wieder hebt das Liedchen an
Fingerhütchen lauert still
"Fingerhütchen, Fingerhut",
Zeig dich einmal, schöner Mann!
Eine ganze Stirne voll
Plötzlich steckt der Elfenchor
Schlummert eine ganze Nacht
Ist ihm Heil im Traum geschehn?
Fingerhut steht plötzlich still,
Alles Laub und alle Früchte
"Knabe, du bist zart und dürftig,
"Solches, Fremdling, wäre sündlich!
Im Geheimnis meines Herzens,
O des Glanzes! O der Fülle!
Statt milden Nektars, Rebenblut
Erst sang ein jedes Himmelskind
Der König klatschte: "Morgen will
"An euren Launen? ..." Der Despot
Der König wacht', um Mitternacht
Er fuhr empor. "Den hellen Chor
Am Morgen war der Kerker leer,
Schlürft Dichtergeist am Borne des Genusses,
Das Herz, auch es bedarf des Überflusses,
Genug kann nie und nimmermehr genügen!
Das heilige Feuer
Auf das Feuer mit dem goldnen Strahle
Heftet sich in tiefer Mitternacht
Schlummerlos das Auge der Vestale,
Die der Göttin ewig Licht bewacht.
Wenn erstürbe die versäumte Glut,
Eingesargt in Gruft und Grabestiefe
Würde sie, wo Staub und Moder ruht.
Lodert warm zu jeder Zeit und Frist,
Die entzündet durch den Hauch der Musen
Ihnen ein beständig Opfer ist.
Daß sie brenne rein und ungekränkt;
Denn ich weiß, es wird der ungetreue
Wächter lebend in die Gruft versenkt.
Schillers Bestattung
Ein ärmlich düster brennend Fackelpaar, das Sturm
Und Regen jeden Augenblick zu löschen droht.
Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg
Mit keinem Kranz, dem kargsten nicht, und kein Geleit!
Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab.
Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur,
Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umgeht,
Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war's.
Liederseelen
In der Nacht, die die Bäume mit Blüten deckt,
Ward ich von süßen Gespenstern erschreckt,
Ein Reigen schwang im Garten sich,
Den ich mit leisem Fuß beschlich;
Wie zarter Elfen Chor im Ring
Ein weißer lebendiger Schimmer ging.
Die Schemen hab ich keck befragt:
Wer seid ihr, luftige Wesen? Sagt!
"Ich bin eine Reihe von Stapfen im Schnee."
"Ich bin ein Seufzer gen Himmel empor!"
"Ich bin ein Geheimnis, geflüstert ins Ohr!"
"Ich bin ein frommes, gestorbenes Kind."
"Ich bin ein üppiges Blumengewind -"
"Und die du wählst, und der's beschied
Die Gunst der Stunde, die wird ein Lied."
Schwarzschattende Kastanie
Schwarzschattende Kastanie,
Mein windgeregtes Sommerzelt,
Du senkst zur Flut dein weit Geäst,
Dein Laub, es durstet und es trinkt,
Schwarzschattende Kastanie!
Im Porte badet junge Brut
Mit Hader oder Lustgeschrei,
Und Kinder schwimmen leuchtend weiß
Im Gitter deines Blätterwerks,
Schwarzschattende Kastanie!
Und dämmern See und Ufer ein
Und rauscht vorbei das Abendboot,
So zuckt aus roter Schiffslatern
Ein Blitz und wandert auf dem Schwung
Der Flut, gebrochnen Lettern gleich,
Bis unter deinem Laub erlischt
Die rätselhafte Flammenschrift,
Schwarzschattende Kastanie!
Nachtgeräusche
Melde mir die Nachtgeräusche, Muse,
Die ans Ohr des Schlummerlosen fluten!
Erst das traute Wachtgebell der Hunde,
Dann der abgezählte Schlag der Stunde,
Dann ein Fischer-Zwiegespräch am Ufer,
Dann? Nichts weiter als der ungewisse
Geisterlaut der ungebrochnen Stille,
Wie das Atmen eines jungen Busens,
Wie das Murmeln eines tiefen Brunnens,
Wie das Schlagen eines dumpfen Ruders,
Dann der ungehörte Tritt des Schlummers.
Die toten Freunde
Das Boot stößt ab von den Leuchten des Gestads.
Durch rollende Wellen dreht sich der Schwung des Rads.
Schwarz qualmt des Rohres Rauch ... Heut hab ich schlecht,
Das heißt mit lauter jungem Volk gezecht -
Und du, verschwunden auf einer Gletscherfirn,
Und du, verlodert wie schwüler Blitzesschein,
Meine toten Freunde, saget, gedenkt ihr mein?
Dazwischen jubelt ein dumpfes Zechgelag,
In den Fluten braust ein sturmgedämpfter Chor,
Becher läuten aus tiefer Nacht empor.
Der schöne Tag
In kühler Tiefe spiegelt sich
Des Juli-Himmels warmes Blau,
Libellen tanzen auf der Flut,
Die nicht der kleinste Hauch bewegt.
Sie sprangen jauchzend in das Bad,
Der eine taucht gekühlt empor,
Der andre steigt nicht wieder auf.
Von Booten wimmelt's schon. Man fischt.
Den einen rudern sie ans Land,
Der fahl wie ein Verbrecher sitzt.
Gemach hinab, ein Schlummernder,
Geschmiegt das sanfte Lockenhaupt
An einer Nymphe weiße Brust.
Über einem Grabe
Blüten schweben über deinem Grabe.
Schnell umarmte dich der Tod, o Knabe,
Den wir alle liebten, die dich kannten,
Dessen Augen wie zwei Sonnen brannten,
Dessen Blicke Seelen unterjochten,
Dessen Pulse stark und feurig pochten,
Dessen Worte schon die Herzen lenkten,
Den wir weinend gestern hier versenkten.
Dort! ich seh es aus der Erde steigen!
Unterm Rasen quillt hervor es leise,
Flatterflammen drehen sich im Kreise,
Ungelebtes Leben zuckt und lodert
Aus der Körperkraft, die hier vermodert,
Abgemähter Jugend letztes Walten,
Letzte Glut verraucht in Wunschgestalten,
Eine blasse Jagd:
In der Faust den überfüllten Becher!
Wehnde Locken will der Buhle fassen,
Die entflatternd nicht sich haschen lassen,
Lustgestachelt rast er hinter jenen,
Ein verhülltes Mädchen folgt in Tränen.
Durch die Brandung mit verstürmten Haaren
Seh ich einen kühnen Schiffer fahren.
Einen jungen Krieger seh ich toben,
Helmbedeckt, das lichte Schwert erhoben.
Einer stürzt sich auf die Rednerbühne,
Weites Volksgetos beherrscht der Kühne.
Ein Gedräng, ein Kämpfen, Ringen, Streben!
Arme strecken sich und Kränze schweben -
Nicht erreichte!
Knabe, schlaf in Frieden!
Der Marmorknabe
In der Capuletti Vigna graben
Gärtner, finden einen Marmorknaben,
Meister Simon holen sie herbei,
Der entscheide, welcher Gott es sei.
Der die graue Wimper forschend neigte,
Kniet' ein Kind daneben: Julia,
Die den Marmorknaben finden sah.
Steig ans Tageslicht aus deinem Grabe!
Eine Fackel trägst du? Bist beschwingt?
Amor bist du, der die Herzen zwingt?"
Eines Kindes Worte nicht beachtend,
Spricht: "Er löscht die Fackel. Sie verloht,
Dieser schöne Jüngling ist der Tod."
Liebesflämmchen
Die Mutter mahnt mich abends:
"Trag Sorg zur Ampel, Kind!
Jüngst träumte mir von Feuer -
Auch weht ein wilder Wind."
Ich lösch es mit Bedacht,
Das Licht in meinem Herzen
Brennt durch die ganze Nacht.
"Kind, hebe dich! 's ist Tag!"
Sie pocht an meiner Türe
Dreimal mit starkem Schlag
Mich aus dem Schlaf geschreckt -
Das Licht in meinem Herzen
Hat längst mich aufgeweckt.
Brautgeleit
Ich sehe dich, den Kranz im Haar,
Die zur Vermählung schreitet,
Von einer jungen Genienschar
Umjubelt und begleitet.
Sind alles deine Schwestern.
Du bist sie und bist sie nicht mehr
Und warest sie noch gestern.
Dem stillen Hochzeitspaare?
Das sind, bekränzt mit Rosen schön,
All deine raschen Jahre.
Vom Mutterarm getragen,
Das zweite setzt die Füßchen sacht
Und schreitet noch mit Zagen.
Des jungen Menschenbildes,
Mit einem scheuen Kinde wallt
Ein Mägdlein schon, ein wildes.
Lenzangesicht zu schauen,
Und dann ein blasses, inniges
Antlitz mit ernsten Brauen.
In still verklärten Zügen,
Erfüllung in des Blickes Glanz
Und seliges Genügen.
Dich ewig zu verbinden,
Die Mädchen bleiben all davor,
Vergehen und verschwinden.
Hochzeitslied
Aus der Eltern Macht und Haus
Tritt die züchtge Braut heraus
An des Lebens Scheide -
Geh und lieb und leide!
Wie der junge Busen pocht
Im Gewand von Seide -
Geh und lieb und leide!
Überstrahlt an voller Brust
Blitzendes Geschmeide -
Geh und lieb und leide!
Schmerz und Lust Geschwisterpaar,
Unzertrennlich beide -
Geh und lieb und leide!
Die Jungfrau
Wo sah ich, Mädchen, deine Züge,
Die drohnden Augen lieblich wild,
Noch rein von Eitelkeit und Lüge?
Auf Buonarrotis großem Bild:
Zum Menschen, welcher schlummernd liegt,
Im Schoße seines Mantelbuges
Ruht himmlisches Gesind geschmiegt:
Von Gottes Mantel keusch umwallt,
Des Weibes Züge, zu erkennen
In einer schlanken Traumgestalt.
Mit Augen schaut sie, tief erschreckt,
Wie Adam Er den Funken spendet
Und seine Rechte mahnend reckt.
Der das bewußte Sein empfängt,
Auch sie sehnt dunkel sich zu leben,
An Gottes Schulter still gedrängt -
Noch ungefesselt vom Geschick,
Ein unentweihter Gottgedanke,
Und öffnest staunend deinen Blick.
Die Fei
Mondnacht und Flut. Sie hängt am Kiel,
Umklammert mit den Armen ihn,
Sie treibt ein grausam lüstern Spiel,
Den Nachen in den Grund zu ziehn.
Reißt nieder uns der blanke Leib!
Rasch, Herr! Von Sünde reinigt Euch,
Begehrt Ihr heim zu Kind und Weib!"
Sich als das heilge Zeichen vor -
Aus dunkeln Haaren lauscht am Schiff
Ein schmerzlich bleiches Haupt empor.
Streit, Flammenschein und strömend Blut,
Doch nichts von Frevel noch Verrat,
Denn Treu und Glauben hielt ich gut."
Auflangen sieht er eine Hand
Am Steuer, blendend weiß wie Schnee,
Und starrt darauf, von Graun gebannt.
Ich brach den Glauben und die Treu,
Ich übt' an meinem Lieb Verrat.
Es starb. Ich tue Leid und Reu!"
Das Ruder schlägt. Der Nachen fliegt.
Vom Strand das Licht des Erkers winkt,
Wo Weib und Kind ihm schlummernd liegt.
Die Dryas
O Liebe, wie schnell verrinnest du,
Du flüchtige, schöne Stunde,
Mit einer Wunde beginnest du
Und endest mit einer Wunde.
Umspielt von goldnen Schimmern,
Und späht nach einem schönen Baum,
Sich draus ein Boot zu zimmern.
Du bist mir gleich die rechte,
Dich zeichn' ich mit dem Beile flugs,
Dann ruf ich meine Knechte."
Macht jählings ihn erbleichen.
"Ich sterbe!" stöhnt's im Stamme schwach,
"Die jüngste dieser Eichen!"
Sieht er am Beile hangen
Und schleudert's weg mit einem Schrei,
Als hätt' er Mord begangen.
"Der Mord ist nicht vollendet!
Ich bin nur leicht am Arm verletzt.
Ich hatt' mich umgewendet."
Daß ich Vergebung finde!"
Die Schultern schmiegend schlüpft geschwind
Die Dryas aus der Rinde.
Ein Brüten und ein Weben,
Von grünem Blätterschatten war
Der schlanke Wuchs umgeben.
Die Stelle mit dem Hiebe,
Und der er viel zu Leid getan,
Die tat ihm viel zu liebe.
Sie schlüpft zurück behende
Und lispelt in den Waldesraum:
"Ich weiß, wen ich dir sende!"
Sie muß sich redlich plagen,
Honig und Wermut hin und her,
Waldaus, waldein zu tragen.
"Dryas, mich kann's entrüsten!"
Es setzt sich an den Stamm und summt:
"Ich sah's, wie sie sich küßten!
Muß ihn beständig necken -
Dich läßt er nun bei Wetter und Wind
In deinem Baume stecken!"
Ein schlanker Leib und stürbe!
Das Laub vergilbt, die Krone blich,
Die Rinde bröckelt mürbe.
Ein Lied Chastelards
Sehnsucht ist Qual!
Der Herrin wag ich's nicht zu sagen,
Ich will's den dunkeln Eichen klagen
Im grünen Tal:
Sehnsucht ist Qual.
Wie schmelzend Eis in bleichen Farben,
Sie sieht mich dursten, lechzen, darben,
Bleibt unerfleht -
Mein Leib vergeht.
Daß sie an ihrer Macht sich weide!
Ergetzt sie grausam sich an meinem Leide,
So denkt sie mein -
Drum mag es sein.
Dem Kühnsten macht die Folter bange,
Ein Grab, darin ich nichts verlange,
Gib mir, o Tal!
Sehnsucht ist Qual.
Die kleine Blanche
An dem kleinen Hofe von Navarra
War das Leben eine lose Fabel,
Eine drohnde oder heitre Maske,
Eine überraschende Novelle,
Ein phantastisch wahrheitloses Schauspiel. -
Der am Hofe war auf kurzen Urlaub,
Hauptmann Duplessis saß vor der Bühne,
Drauf ein Mädchen an verratner Liebe
Starb. Im letzten Akte lag sie marmorn
Auf dem Grabmal als ihr eigen Bildnis,
Schluchzend rang die Hände der Verräter,
Sieh! da hob sie sachte sich und lebte.
Andern Tages wandelte der Hauptmann
In des Schlosses irrsam dunkeln Gärten,
An die zarte kleine Blanche denkend,
Die er schnell geküßt und schnell verraten -
Etwas sieht er schimmern durch Zypressen:
Auf dem Grabmal liegt die kleine Blanche
Marmorn. An dem Sockel ist zu lesen:
"Blanche schlummert nach verratner Liebe."
"Heb dich, kleine Blanche!" ruft der Hauptmann.
"Wickle dich aus deinen weißen Tüchern!
Spiel nicht mit dem Tode, kleine Blanche!"
Doch der Marmor fühlte nichts. Es fühlte
Nichts, die drunter schläft. Sie starb im Ernste.
Die gelöschten Kerzen
Ein gewaltger Herd mit glühnden Kohlen
Und zwei hellen Kerzen auf dem Simse,
Dran ein plaudernd Paar: ein narbger Feldherr
In der Majestät des Greisenalters
Und ein unbefangnes Kind der Neuzeit,
Ein geliebter und verzogner Neffe.
Würdevoll erzählt der Greis von weiland,
Von Verschollnem und halb Verschollnem.
"Damals warst du noch ein Ungeborner,
Neffe", sagt er, "oder in den Windeln" ...
Auf dem Herde zuckt ein blaues Flämmchen,
Ein vergeßnes Flämmchen aus der Asche,
Und die beiden sehn den Irrwisch tanzen,
Und der Irrwisch, unversehens springt er
Auf des Jünglings blühend kecke Lippen:
"Ohm, wie war es denn mit der Camargo?"
Der Benarbte lächelt. "Wissen willst du
Das mit der Camargo?" - Eine Kerze
Haucht er aus und auch die andre Kerze.
"Du erlaubst? Nur daß ich nicht erröte!
Also ..." Durch das Dunkel glühn die Kohlen.
Und der Jüngling streicht ein Holz, die eine
Kerze flammt er an und dann die andre:
"Ohm, wie war's denn mit dem Sturm auf Düppel?"
Fingerhütchen
Liebe Kinder, wißt ihr, wo
Fingerhut zu Hause?
Tief im Tal von Acherloo
Hat er Herd und Klause;
Aber schon in jungen Tagen
Muß er einen Höcker tragen,
Geht er, wunderlicher nie
Wallte man auf Erden!
Sitzt er, staunen Kinn und Knie,
Daß sie Nachbarn werden.
Früh und spät sich regend,
Trägt sie zum Verkauf umher
In der ganzen Gegend,
Und er gäbe sich zufrieden,
Wär er nicht im Volk gemieden;
Denn man zischelt mancherlei:
Daß ein Hexenmeister,
Daß er kräuterkundig sei
Und im Bund der Geister.
Ist ein leeres Meinen,
Doch das Volk im Dämmerlicht
Schaudert vor dem Kleinen.
So die Jungen wie die Alten
Weichen aus dem Ungestalten -
Doch vorüber wohlgemut
Auf des Schusters Räppchen
Trabt er. Blauer Fingerhut
Nickt von seinem Käppchen.
Nach des Tages Lasten,
Hat den halben Weg gemacht,
Darf ein bißchen rasten,
Setzt sich und den Korb daneben,
Schimmernd hebt der Mond sich eben:
Fingerhut ist gar nicht bang,
Ihm ist gar nicht schaurig,
Nur daß noch der Weg so lang,
Macht den Kleinen traurig.
Nicht mit rechten Dingen,
Mitten aus dem grünen Rain
Ein melodisch Singen:
"Silberfähre, gleitest leise" -
Schon verstummt die kurze Weise.
Fingerhütchen spähet scharf
Und kann nichts entdecken,
Aber was er hören darf,
Ist nicht zum Erschrecken.
Unter Busch und Hecken,
Doch es bleibt der Reimgespan
Stets im Hügel stecken.
"Silberfähre, gleitest leise" -
Wiederum verstummt die Weise.
Lieblich ist, doch einerlei
Der Gesang der Elfen,
Fingerhütchen fällt es bei,
Ihnen einzuhelfen.
Auf der Töne Leiter,
Wie das Liedchen enden will,
Führt er leicht es weiter:
"Silberfähre, gleitest leise"-
"Ohne Ruder, ohne Gleise."
Aus dem Hügel ruft's empor:
"Das ist dir gelungen!"
Unterm Boden kommt hervor
Kleines Volk gesprungen.
Lärmt die tolle Runde,
"Faß dir einen frischen Mut!
Günstig ist die Stunde!
Silberfähre, gleitest leise
Ohne Ruder, ohne Gleise!
Dieses hast du brav gemacht,
Lernet es, ihr Sänger!
Wie du es zustand gebracht,
Hübscher ist's und länger!
Laß dich einmal sehen!
Vorn zuerst und hinten dann!
Laß dich einmal drehen!
Weh! Was müssen wir erblicken!
Fingerhütchen, welch ein Rücken!
Auf der Schulter, liebe Zeit,
Trägst du eine grause Bürde!
Ohne hübsche Leiblichkeit
Was ist Geisteswürde?
Glücklicher Gedanken,
Unter einem Höcker soll
Länger nicht sie schwanken!
Strecket euch, verkrümmte Glieder!
Garstger Buckel, purzle nieder!
Fingerhut, nun bist du grad,
Deines Fehls genesen!
Heil zum schlanken Rückengrat!
Heil zum neuen Wesen!"
Wieder tief im Raine,
Aus dem Hügelrund empor
Tönt's im Mondenscheine:
"Silberfähre, gleitest leise
Ohne Ruder, ohne Gleise."
Fingerhütchen wird es satt,
Wäre gern daheime,
Er entschlummert laß und matt
An dem eignen Reime.
Auf derselben Stelle,
Wie er endlich auferwacht,
Scheint die Sonne helle:
Kühe weiden, Schafe grasen
Auf des Elfenhügels Rasen.
Fingerhut ist bald bekannt,
Läßt die Blicke schweifen,
Sachte dreht er dann die Hand,
Hinter sich zu greifen.
Ist das Heil die Wahrheit?
Wird das Elfenwort bestehn
Vor des Tages Klarheit?
Und er tastet, tastet, tastet:
Unbebürdet! Unbelastet!
"Jetzt bin ich ein grader Mann!"
Jauchzt er ohne Ende,
Wie ein Hirschlein jagt er dann
Über Feld behende.
Tastet leicht und leise,
Ob er wieder wachsen will?
Nein, in keiner Weise!
Selig preist er Nacht und Stunde,
Da er sang im Geisterbunde -
Fingerhütchen wandelt schlank,
Gleich als hätt' er Flügel,
Seit er schlummernd niedersank
Nachts am Elfenhügel.
Traumbesitz
"Fremdling, unter diesem Schutte
Wölbt sich eine weite Halle,
Blüht des Inka goldner Garten,
Prangt der Sessel meines Ahns!
Und die Vögel auf den Ästen
Und die Fischlein in den Teichen
Sind vom allerfeinsten Gold."
Deine greisen Eltern darben -
Warum gräbst du nicht die nahen
Schätze, die dein Erbe sind?"
Nein, ich lasse mir genügen
An dem kleinen Weizenfelde,
Das mir oben übrig blieb.
Mit den Augen meines Geistes
Schwelg ich in den lichten Wundern,
In dem unermeßnen Hort:
Siehst du dort die Büschel Maises
Mit den schön geformten Kolben?
Siehst du dort den goldnen Thron?"
Die gefesselten Musen
Es herrscht' ein König irgendwo
In Dazien oder Thrazien,
Den suchten einst die Musen heim,
Die Musen mit den Grazien.
Geruhten sie zu nippen,
Die Seele des Barbaren hing
"An ihren sel'gen Lippen.
Im Tone, der ihm eigen,
Dann schritt der ganze Chor im Takt
Und trat den blühnden Reigen.
Ich wieder euch bestaunen!"
Die Musen schüttelten das Haupt:
"Das hangt an unsern Launen."
Begann zu schmähn und lästern.
"Ihr Knechte", schrie er, "Fesseln her!"
Und fesselte die Schwestern.
Vernahm er leises Schreiten,
Geflüster: "Seid ihr alle da?"
Und Schüttern zarter Saiten.
Ergreift, getreue Wächter!"
Die Schergen griffen in die Luft,
Und silbern klang Gelächter.
Der Reigen über die Grenze -
Drin hingen statt der Ketten schwer
Zerrißne Blumenkränze.